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18.08.2011 - 00:00:00
GUNTER GABRIEL (- HELEN SCHNEIDER)
Konzertbericht von Holger Stürenburg: die Musical-Revue "Hello, I Am Johnny Cash"!
JOHNNY CASH (1932 - 2003) war einer der erfolgreichsten, begehrtesten und sagenumwobensten US-Country-Sänger und Songschreiber.
Er war eine Stil-Ikone und prägte, wie kaum ein anderer, die Folk-Kultur Amerikas. Weltweit erfreute sich der "Man in Black" (so sein inoffizieller Spitzname) größter Beliebtheit. Er schrieb ca. 500 Lieder, verkaufte mehr als 53 Millionen Tonträger und wurde mit 15 Grammys ausgezeichnet (Quelle: Wikipedia.de).
Er war ein ruhe- und rastloser Mensch voller Widersprüche, der 1950 seinen ersten Soloauftritt im Rahmen seiner Abschlussfeier auf der High School absolvierte. Fünf Jahre später, nach Gelegenheitsjobs und Militärdienst, startete er seine erfolgreiche Karriere als Wanderer zwischen Country, Rock, Blues und Folk. Er spielte für die bürgerliche Oberschicht genauso, wie für Strafgefangene, fühlte sich denen womöglich näher, als der ‚High Society’. Schon 1956, obwohl noch verheiratet, lernte er seine künftige zweite Ehefrau June Carter kennen, die ebenfalls musikalisch im Country-Bereich tätig war. Nach einigen stilleren Jahren, die überwiegend von Alkoholkonsum und damit verbundenen ‚Abstürzen’ gekennzeichnet waren, feierte Johnny Cash Ende der 90er, auch und gerade Dank des umtriebigen Hardrockproduzenten Rick Rubin, mit seinen "American Recordings" – größtenteils Coverversionen bekannter Rockklassiker der 70er-90er Jahre – ein umjubeltes Comeback. 2003 starb zuerst seine geliebte Ehefrau June Carter, kurz darauf der Meister persönlich. Johnny Cash galt und gilt generationenübergreifend als Ikone und Idol. Der tiefgläubige evangelische Freikirchler vermochte es, Menschen, die in den 60ern groß wurden, genauso in seinen Bann zu ziehen, wie uns 80er-Kinder und sogar Spätgeborene, die eigentlich allgemein ganz andere Musik bevorzugen.
Schnitt:
Seit einigen Jahren ist es in Deutschland geradezu zur Mode geworden, Musicals, Revuen, Shows zu inszenieren, in denen jeweils einem legendären Künstler, einer legendären Band, biographisch gehuldigt wird.
Es gab die phantastischen Liederabende mit dem Berliner Chansonnier Klaus Hoffmann, im Rahmen derer er ausschließlich Songs seines erklärten Vorbildes Jacques Brel mit selbstverfassten, deutschen Texten intonierte; mehrere, größtenteils stimmige Randy-Newman-Tributes gastieren überall in diesem unseren Lande. Immer wieder, so am 11.09.2011, im Hamburger "Deutschen Schauspielhaus", singt "SELIG"-Frontmann Jan Plewka mit seiner Soloband "Schwarz-Rote Heilsarmee" die schönsten und prägnantesten klanglichen Gefühlsausbrüche des unvergesslichen Anarchorockers Rio Reiser.
Und nun wird auch Johnny Cash die Ehre zuteil, Hauptperson eines Musicals zu werden. Seine Konzerte begann der dunkle Mann mit der sonoren Stimme stets mit dem Satz "HELLO, I AM JOHNNY CASH". So nennt sich nun auch eine musical-artige Revue, die zunächst in Berlin die Zuschauer überwältigte, und derzeit bis zum 17. September 2011 in der Freien und Hansestadt Hamburg gastiert. Am vergangenen Samstag, dem 13.08.2011, fand die Premiere statt; die überwiegend reiferen Zuschauer feierten dieselbe mit minutenlangen "Standing Ovations". Kein Wunder, denn zwei authentische, ehrliche DarstellerInnnen vermochten es aus tiefstem Herzen, gemeinsam mit einer hervorragend agierenden Band, Johnny Cash und June Carter nicht nur darzustellen, sondern dieselben innerhalb der ca. zwei Stunden Spielzeit auch ZU SEIN. Bei den beiden Protagonisten handelt es sich um niemand geringeren, als um GUNTER GABRIEL (Johnny) und HELEN SCHNEIDER (June).
Gunter, der nun wirklich alle Höhen und Tiefen des Lebens durchexerziert hat, dem Alkohol verfallen war, hohe Schulden hatte, seit einiger Zeit jedoch ruhig und friedlich, von alten wie jungen Fans begehrt, auf seinem Hausboot in Hamburg-Harburg lebt, war über 25 Jahre mit seinem Vorbild Johnny Cash befreundet – und ist, wie kein Zweiter, dafür geeignet, die Hauptrolle in besagtem Singspiel "Hello, I am Johnny Cash" zu übernehmen. In den 70ern und 80ern feierte der so chaotische, wie bodenständige Westfale, der seit Ewigkeiten in Hamburg wohnt, unzählige Hits der Sorte "Hey Boss, ich brauch mehr Geld", "Willy Klein, der Fernsehmann", "Intercity Linie Nr. 4" oder "Komm unter meine Decke". Zum Erscheinen der Doppel-A-Seiten-Single "Du kannst wackeln mit dem Po"/"Sechs Dinge braucht der Mann", im Herbst 1980, avancierte der damals neunjährige Verfasser dieser Zeilen ad hoc zum überzeugten Gunter-Fan! Ironisch, zugleich zeitkritisch, direkt am Nerv des Normalbürgers, jenseits von Schickimickis und Möchtegerns. Patriotische Themen, ohne jegliche Radikalität oder nationalem Pathos, kamen z.B. in "Deutschland ist…" oder "Ich bin ein Berliner", durchwegs von selbstironischem Unterton beseelt, zum Zuge. "Mit dem Hammer in der Hand (Das Lied vom einfachen Mann)" gedenkt der "Trümmerfrauen und –männer", die nach dem II. Weltkrieg die BR Deutschland wieder aufbauten – und zugleich die heutige Generation dazu auffordert, nicht oberflächlich zu sein, sondern mit anzupacken, wenn es nötig ist. Nach nicht wenigen negativen Jahren, hat sich Gunter Gabriel inzwischen aufgerafft, mehrere perfekte CDs (Rezension derer aus meiner Feder folgen in diesen Wochen!) und eine Autobiographie veröffentlicht. Er hat es noch mal geschafft, seine alten Freunde wiederum für ihn zu begeistern, als auch die heutige Jugend für seine Lieder zu interessieren. Und derzeit – nach mit viel Freude aufgenommenen Shows in Berlin – steht Gunter Gabriel in Hamburg auf der Bühne des "Altonaer Theaters" und beginnt seinen Auftritt mit der legendären Textzeile "Hello, I am Johnny Cash"!
Seine Partnerin, die Johnnys Frau June Carter phänomenal darstellt, ist die 1952 in New York geborene Sängerin HELEN SCHNEIDER, die seit längerem in Berlin lebt und 1978 in Hamburg von Udo Lindenberg im längst verblichenen Kultlokal "Onkel Pö’s Carnegie Hall" entdeckt, protegiert und von ihm auf seine Tournee zum Album "Panische Zeiten" (1980) mitgenommen wurde. Ihr erster Achtungserfolg war der Swing-Rocker "Jimmy"; im Spätherbst 1981 folgte ihr Top-10-Hit "Rock’n’Roll Gypsy", eine New-Wave-lastige, nervöse Rocknummer, die auf "Rock’n’Roll Outlaw" der australischen Gitarrenrocker "Rose Tattoo", um den Hardrock-Chaoten Angry Anderson, basierte. Das dazugehörige Album "Schneider with The Kick" erwies sich gleichfalls als sehr einträglich, beinhaltete mehrheitlich rockig-überdrehte Coverversionen (z.B. "You really got me", "The Kinks", "Shadows of the Night", Pat Benatar, oder "Don’t let me be misunderstood", Joe Cocker, Eric Burdon) und warf zudem mit der vorantreibenden, deftigen Neukomposition "Angry Times" noch einen weiteren Hitparadenerfolg ab. Ihr Entdecker Udo L. steuerte zu dieser LP, die eigentlich jedem überzeugten 80er-Kind ein Begriff, sogar in dessen Plattenarchiv vorhanden sein muß, zwei Songs bei. 1983 – sorry, Helen, aber dies muß ich so hart formulieren – blamierte sich die dunkelblonde Schönheit mit der abstrakten, abgedrifteten New-Wave-LP "Breakout" – Krach pur – auf allen Ebenen, aber die schicke Lady war lernfähig und begab sich fortan der Interpretation von Theater- und Musical-Melodien hin, sang "Cabaret", stand Seite an Seite mit Hildchen Knef auf der Bühne, verlieh Kurt Weill neues Leben, gab die "Evita" Peron in gleichnamigem Musical, erweiterte ihre Facetten in Richtung Jazz und Blues. Folglich: Geradezu dazu geboren, die "June Carter" in "Hello, I am Johnny Cash" zu spielen!
Wir hörten bei der Hamburg-Prämiere des Musicals alle wichtigen Lieder des Geehrten in bester Ausformung, modernisiert, aber niemals zeitgeistbezogen ‚zerstört’. Gunter WAR Johnny und Helen WAR June. Der Eröffnungsabend führte uns Anwesende, darunter viele Pressemenschen natürlich, und einige CDU-Prominenz (der heutige CDU-Fraktionsvorsitzende im Rathaus, Dietrich Wersich, fungierte einst als Gesellschafter/Geschäftsführer des "Altonaer Theaters", sein Bruder Ekkehart ist heutzutage ebenfalls hauptberuflich dort beschäftigt; beide kenne ich seit langem, aus gemeinsamen "Junge Union"-Zeiten, selbst wenn wir uns heute schon in Richtung "Senioren Union" bewegen… ;)) in die Welt der wilden 60er und 70er, zu den real existierenden Welthits des Johnny Cash, die Gunter und Helen mit viel Liebe und Esprit in das Heute und Hier transferierten.
Es folgte eine genialische Mixtur aus Country, Blues, Rock – aus Traditionellem und Modernen. Die Begleitband der beiden HeroInnen bestand aus den beiden Gitarristen Johannes Gehlmann und Michael Fechter (letzterer spielte auch Violine), dem Schlagzeuger Stephan Genzer und dem Multiinstrumentalisten Harry Ermer, der sowohl am Boogie- und Honky-Tonk-Piano sein Können bewies, als auch am Kontrabaß und an der Mundharmonika.
Der Country-Blues "I walk the Line" diente sozusagen als hymnisches Leitmotto des Abends, der mit der späten Rick-Rubin-Produktion "Ain’t no Grave Gonna hold this Body down)" fundamental startete. Gunter sang im ersten Parts des Abends Elvis’ englische Version von "Muss I denn…”, "Wooden Heart", das Spiritual "Swing Low, Sweet Chariots", "Get Rhythm", bei uns bekannt aus 1985 von Ry Cooder, oder "Blue Suede Shoes" von Elvis’, wie Johnnys langjährigem Begleiter Carl Perkins in den 50ern ersonnen, das US-Traditional "If I were a Carpenter" – welcher Folkmusiker bzw. Singer/Songwriter hat diesen Klassiker nicht im Programm? -, bevor Part Eins der Revue mit "St. Quentin", Johnnys Lied für die Gefangenen in gleichnamigem Hochsicherheitsgefängnis in Kalifornien und dem Country-Punk ("Jason & the Scorchers" – wer von Euch kennt die noch?? - wären sehr stolz auf den schnelle, drallen ‚Cow Punk’ von Gunters Band gewesen!) "Folsom Prison Blues" grandios endete!
Es folgten nun in der Pause nette Gespräche mit den anwesenden CDU-Politikern, den Damen und Herren des Merchandising-Teams, sowie der Erwerb einer Kurzbiographie über den "Man in Black" zum Sonderpreis.
Der zweite Teil des Abends, ab 21.30 Uhr, gehörte nicht nur Gunter alias Johnny, sondern zunehmend seiner Begleiterin Helen alias June. Es erklangen, von ihr gesungen, die Hippieballade "Bridge over troubled Water" (im Original von "Simon & Garfunkel", 1970), sowie die beste und überzeugendste Fassung, die ich jemals von Bob Dylans trefflichem Anti-Liebeslied "It ain’t me, Babe" vernommen habe. Helen verband Blues mit Country und schnellstem Honky-Tonk-Geklimper. Wer mich kennt, weiß, dass ich selbst gerne komponiere, arrangiere, texte. Da kommen oft die irrsinnigsten, schrägsten Umsetzungen heraus. Diese Version von "It ain’t me, Babe" jedenfalls hat mich umgehauen, auf die Idee, diesen Überhit in dieser Form, wie gehört, aufzubereiten, wäre ich niemals gekommen! Es kamen erdig und originär Blues-Harp und Fiddle zum Einsatz; Helen stellte nach und nach die Bandmitglieder vor, die alle mit kurzen Soli an ihren jeweiligen Instrumenten brillieren durften, bis Gunter auf die Bühne zurückkehrte und besagten Dylan-Song, zusammen mit Helen, bravourös zu Ende brachte.
Immer wieder erzählte Herr Gabriel-Cash über das Leben seines klanglichen Weggefährten: Über seine Zeit als GI in Landsberg am Lech, über seine Abstürze und seinen immer wieder erfolgenden Aufstieg; er sagte, Johnny habe drei wichtige Faktoren in seinem Leben gehabt: Musik, Frauen und seinen Glauben. Daraufhin sang Gunter DEN spezifischen Johnny-Cash-Hit "Ring of Fire", wobei ihn Helen authentisch und liebevoll begleitete. Ein weiterer Duett-Kultsong folgte: "Jackson", ein gehetzter, temporeicher Country-Blues, der 1967 dem frischverliebten Paar Johnny und June einen wohlverdienten Erfolg bescherte. Damals, 1980 im zarten Alter von neun Jahren, der Einstieg für den Verfasser dieser Zeilen in die so kruden, wie sympathischen Welten des Johnny C.
Mit einer Reprise der düsteren Abschiedsballade "Ain’t no grave", still, grazil, beinahe sakral gehalten, kam die Revue "Hello, I am Johnny Cash" zu ihrem Abschluss. Die anwesenden Hamburger feierten Helen, Gunter und Band mit nicht enden wollendem Applaus, stehenden Ovationen und lautem Jubel – so dass die beiden bald wieder auf die Bühne zurückkehren und ein paar Zugaben geben mussten. Aus "Jackson" wurde urplötzlich "Hamburg" – sie und er hatten sich inzwischen ihre Perücken vom Haupte gerissen, waren nicht mehr Johnny und June, sondern Gunter und Helen – und genossen es, vom hiesigen Publikum gefeiert zu werden.
Fazit: "Hello, I am Johnny Cash" ist sicherlich nichts für den Mainstream-Hörer. Die musikalische Aufarbeitung des chaotischen Lebens von Johnny Cash bedarf zeitgeschichtlichen und kulturwissenschaftlichen Wissens, bzw. zumindest Interesse daran. Die Hamburger Fans waren genauso davon angetan, wie die örtliche Presse. So schrieb das "Hamburger Abendblatt", die Premiere sei "furios" (Zitat) gelungen, Helen spiele "hinreißend" (Zitat) die Rolle der June Carter und Gunter präsentierte "ergreifende Momente (Zitat).
Dem ist nichts hinzuzufügen!
Allen Musikfreunden, nicht nur in Hamburg, die mehr spüren, erleben, fühlen wollen, als bei "Lady Kacka" oder Pietro Sowieso, sei ans Herz gelegt, sich "Hello, I am Johnny Cash" zu Gemüte zu führen und schlichtweg zu genießen! Da Hamburg eh immer eine Reise Wert ist, sollten sich reisende Anhänger gehobener Musikkultur einen Besuch bei "Hello, I am Johnny Cash" keinesfalls entgehen lassen. Die hanseatischen Freunde genussvoller U-Musik ohnehin nicht!!!
Bitte beachten Sie auch www.altonaer-theater.de/presse/aktuelles/detailansicht/article//hello-im-johnny-cash.html und www.altonaer-theater.de/kontakt.html!
Quelle: Holger Stürenburg, 14./15. August 2011
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